
Unser Interview ist aus dem Jahr 2021, als Herr Haug noch im Dienst beim Bayerischen Umweltministerium war. Inzwischen ist er im wohlverdienten Ruhestand und wir wünschen ihm für den neuen Lebensabschnitt alles erdenklich Gute!
Das Interview führte Wasser-Bloggerin Katrin Zwickl.
Katrin Zwickl: „Herzlich willkommen zum Interview des Wasser-Info-Team Bayern e.V., und danke, dass Sie sich für uns und unsere Leserinnen und Leser Zeit genommen haben! Ich freu mich sehr, dass Sie hier sind.”
Wie bei allen WIT-Interviews treffen Herr Haug und ich uns auf dem Bildschirm. Das spart allen Beteiligten viel Zeit und ist ganz nebenbei auch eine Umweltschutzmaßnahme.
Michael Haug: „Ja, vielen Dank für die Einladung, ich freu mich auch!”
Ich merke sofort: Herr Haug ist ein routinierter Videochat-User. Wir finden es beide richtig gut, was digital alles möglich ist, und unterhalten uns über die vielen Vorteile der neuen digitalen Welt.
Michael Haug: „Für die beruflichen Dinge sind Online-Meetings wirklich super. Man braucht nicht mehr für eine einzelne Versammlung, die eigentlich nur zwei Stunden dauert, durch ganz Deutschland zu fahren. Schade ist nur, dass das Zwischenmenschliche jetzt schon so lange gestoppt ist. Man kann zum Beispiel nach den offiziellen Veranstaltungen nicht mehr zusammen Abendessen gehen. Aber gerade im beruflichen Bereich haben die Online-Meetings wirklich ihre Vorteile. Ich schätze zum Beispiel die Handhebefunktion”, sagt er lachend, „so kann wirklich niemand mehr übersehen werden, weil das Programm die Handzeichen chronologisch aufzählt.”
Wir plaudern noch ein bisschen weiter, über Digitalisierung und Umweltschutz.
Michael Haug arbeitet im Bayerischen Umweltministerium, im Referat für Grundwasserschutz und Wasserversorgung. Dieser Bereich ist ein sehr komplexes Thema mit unterschiedlichsten Facetten. Herrn Haugs Büro ist eine der Schnittstellen, an denen viele Informationen, Fragestellungen und Lösungsvorschläge zusammenlaufen.
Katrin Zwickl: „Von der Digitalisierung, die ja ebenfalls zur kommunalen Daseinsvorsorge gehört, ist es nicht weit zum Thema Wasserversorgung. Über welches Wasser-Thema wollen wir denn heute reden, Herr Haug?”
Michael Haug: „Ja, worüber wollen wir heute reden? Ich habe mich natürlich ein bisschen auf unser Gespräch vorbereitet und ein paar Themen mitgebracht, die ich gerne ansprechen würde.
Das Wasser-Info-Team ist ja eine Organisation, der es um die bestens gesicherte Wasserversorgung im Lande geht. Sie möchte den Bürgerinnen und Bürgern, den Politikerinnen und Politikern, also der gesamten Öffentlichkeit, bewusst machen, wie wertvoll unser Wasser ist. Dass es aus der Natur kommt, dass es sorgsam behandelt und geschützt werden muss. Daraus ergeben sich gleich Fragen dazu, wie man mit unserem Grund und Boden umgeht, wie man mit chemischen Stoffen umgeht, wie man mit Grundwasser umgeht.
Unser Grundwasser ist die am besten geeignete Ressource für unsere Wasserversorgung. Das ist unser großes Anliegen: dieses Wasser so naturbelassen wie möglich an die Verbraucherinnen und Verbraucher zu liefern. Dabei stellt man leider immer wieder fest, dass der Umgang mit dem Wasser aus Gedankenlosigkeit oder aus widerstreitenden Interessen nicht so sorgfältig gehandhabt wird, wie es erforderlich wäre.”
Katrin Zwickl: „Welche Rolle haben da die staatlichen Behörden?”
Herr Haug ist es gewohnt, Vorträge vor großem Publikum zu halten. Wie in allen Interviews bisher brauche ich gar keine Fragen zu stellen, lausche seinen Ausführungen und versuche, so schnell ich kann mitzuschreiben.
Michael Haug: „Eigentlich ist die Wasserversorgung ja Aufgabe der Kommunen, da könnte man sagen: Macht mal. Das Gegenteil ist aber der Fall. Der Staat hat sehr viel damit zu tun, denn er kümmert sich bei dieser Aufgabe der Daseinsvorsorge neben vielen anderen Dingen um den Trinkwasserschutz und um das Wasserrecht für die Wassergewinnung. Wir arbeiten dafür, die Versorger bestmöglich zu unterstützen. Dadurch ist auch Trinkwasser eine staatliche Aufgabe. Die Entnahmestellen müssen geschützt werden, am besten so, dass für alle Zeit einwandfreies Wasser entnommen werden kann.
Weitere wichtige Themen sind die technischen Strukturen der Wasserversorger: Wie kann die Versorgung so gewährleistet werden, dass wir auch in Ausfallsituationen zu hundert Prozent lieferfähig sind? Wir brauchen eine große Stabilität und Resilienz des Gesamtsystems. Das ist ein wichtiger Aspekt aus staatlicher Sicht. Es muss eine Redundanz gewährleistet sein, dazu sind die Wasserversorger verpflichtet. Auch hier wollen wir ihnen unterstützend zur Seite stehen.
In Zeiten des Klimawandels und seiner bereits spürbaren Auswirkungen, wie Starkregen oder Hitzeperioden, ist die Versorgungssicherheit noch wichtiger. Wir haben bereits 2008 angefangen, Bilanzen für ganz Bayern aufzustellen, inwieweit die Versorgung in den einzelnen Regionen bei jeder Anlage gesichert ist. Bis 2016 haben wir das alles abgebildet: Was läuft gut, wo besteht Nachbesserungsbedarf?
Was mir auch sehr wichtig ist: nicht nur Ratschläge, sondern auch Fördermittel zur Verfügung zu stellen. Wir möchten Zeichen setzen, um zu zeigen, dass wir die Wasserversorger bei ihrer so wichtigen Aufgabe bestmöglich unterstützen wollen.”
Ich sitze, lausche und schreibe. Ich merke, dass es ihm wirklich wichtig ist, dass so viele Menschen wie möglich verstehen, wie wichtig das Wasser ist und wie komplex die gesamte Situation in Bayern. Ich merke auch, wie schwierig es sein muss, zwischen all diesen Sach- und Kommunikationsebenen zu vermitteln. Als ich ihn danach frage, gibt er mir, fast schon ein bisschen erleichtert, recht.
Michael Haug: „Ja, wir haben so viel Bürokratie und Gesetze, das wirkt immer ein bisschen entkoppelt vom Alltag der Menschen. Dabei gibt es ja ein Ministerium vor allem dafür, dass der Bevölkerung geholfen wird!”, bekräftigt er lebhaft.
Er ist wirklich ein Wasser-Enthusiast, das merkt man ganz deutlich. Und ich merke auch, dass er im Umweltministerium arbeitet, weil er Menschen helfen will. Was für eine schöne Grundhaltung, um in der Regierung zu arbeiten, nicht wahr?
Eine Frage, die in der bayerischen Wasserbranche immer wieder auftaucht, ist die nach der Kleinteiligkeit der Wasserversorgung. Wir haben in Bayern nämlich über 2000 Versorger. Das ist eine süddeutsche Besonderheit, vor allem im Norden Deutschlands findet man das nicht. Natürlich will ich wissen, wie Michael Haug dazu steht.
Michael Haug: „Die Kleinteiligkeit muss unbedingt aufrechterhalten, aber noch besser untereinander vernetzt werden. Die Musterlösung wäre immer eine nahe Wassergewinnung bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Das geht natürlich nicht überall, aber das wäre der Idealfall. Wo das eigene Wasser nicht reicht, muss man auf Fernwasserstrukturen zurückgreifen. Dabei bleibt immer unser Leitbild für die Wasserversorgung, dass es möglichst naturbelassenes Wasser mit so wenig Aufbereitung und so kurzen Leitungen wie möglich ist. Und niemals sollte es bei uns Wasser geben, das nach Chlor riecht und das man nicht trinken mag.
Aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher heißt das: Sie können sich darauf verlassen, dass sie den Hahn aufdrehen können und das Wasser schmeckt. Niemand muss Wasser nach Hause schleppen, sondern kann es einfach gschmackig und frisch aus dem Hahn zapfen! Ein besseres Getränk kann man sich nicht vorstellen! Wasser mit Hopfen und Malz, oder mit Kaffeebohnen veredelt, oder aus Trauben gepresst und vergoren”, wir lachen herzlich über diese witzige Genussmittel-Beschreibung, „das ist ja alles ganz schön und recht. Aber Trinkwasser aus der Leitung, schöner geht’s doch gar nicht! Und die anderen Sachen würde es ja ohne Wasser auch gar nicht geben.”
Katrin Zwickl: „Leitungswasser ist also Ihr Lieblingsthema!”, stelle ich immer noch lachend fest. Wie schön, dass wir auch Wasser-Liebhaber in der Regierung haben, das macht doch Hoffnung, stimmt’s?
Michael Haug: „Ja, Trinkwasser soll wirklich Wasser zum Trinken sein. Ich wünsche mir ein Bewusstsein der Leute für diese wertvolle Ressource. Deshalb sehe ich Flaschenwasser inzwischen auch kritisch.”
Katrin Zwickl: „Oh, Tiefengrundwasser, ein echtes Politikum!”, sage ich, und wir beide wissen sofort, wovon die Rede ist.
Für alle Leserinnen und Leser, die nicht so tief im Thema sind und nicht Gedanken lesen können (und das auch noch zeitversetzt, weil das Gespräch ja schon vorbei ist, wenn Ihr es lest), möchte ich kurz erklären: Es gibt eine sogenannte „konkurrierende Nutzung” von Tiefengrundwasser. Es gibt Oberflächenwasser, Grundwasser und, in noch tieferen Schichten, Tiefengrundwasser. Aus diesen tiefen Schichten kommt logischerweise das sauberste und, jetzt gut aufpassen, mineralhaltigste Wasser. Genau, Mineralwasser. Darum gibt es im Moment recht schwere Rangeleien, wer es berechtigterweise abpumpen darf: die Wasserversorger oder die Getränkehersteller. Ein weites Feld, wir halten Euch darüber auf dem Laufenden.
Michael Haug: „Ja”, sagt Herr Haug mit buddhahaftem Lächeln und ebensolcher Gelassenheit, „in meinem Arbeitsfeld gibt es viele Politika. Beim Tiefengrundwasser haben wir es allerdings klar geregelt: Der Wasserversorger soll es nur nutzen, soweit es dringend nötig ist. Aber der Mineralwasserbetrieb bekommt es überhaupt erst dann, wenn klar ist, dass die Wasserversorger haben, was sie brauchen.
Zum Thema Trinkwasser gibt es auch eine tolle Initiative des Bundesumweltministeriums, a tip: tap. Die sind genau auf unserer Wellenlänge. Schade, dass die Kampagne ab nächstem Jahr nicht mehr weiterfinanziert wird. Die machen die gleiche Bewusstseinsbildung, wie sie uns am Herzen liegt.
Ich habe mich dann auch drangemacht, eine Trinkbrunnen-Förderung auch für Bayern zu initiieren. Da gibt es jetzt ein Förderprogramm für Kommunen, das sehr gut angenommen wird. Das machen wir wirklich aus innerster Überzeugung, und es ist auch ein wichtiger Baustein zur Bewusstseinserzeugung. Auf unsere Trinkbrunnenförderung, das muss ich sagen, können wir schon ein bisschen stolz sein”, lächelt er verschmitzt.
Katrin Zwickl: „Gibt es etwas, das Sie den Leserinnen und Lesern noch ganz persönlich sagen möchten?”
Er beugt sich nach vorne und schaut ganz fest in die Kamera.
Michael Haug: „Vertraue auf das Leitungswasser. Nimm’s beruhigt als Getränk her. Schätze diesen Schatz der Natur. Denn aus der Natur, da kommt unser Trinkwasser her. Und dort müssen wir es schützen.”
Katrin Zwickl: „Lieber Herr Haug, vielen herzlichen Dank für die unterhaltsame Stunde und viele liebe Grüße vom gesamten WIT ins StMUV!”
(Für alle, die wie ich nicht wissen, was StMUV bedeutet: Das ist die behördensprachliche Abkürzung für das Umweltministerium. Das war ein großer Lacher, als ich das während des Interviews nachgefragt habe! Danke für Ihr Verständnis, Herr Haug, und dass Sie meine Ahnungslosigkeit so humorvoll aufgenommen haben!)
Bis ganz bald,
Euer Wasser-Info-Team Bayern e.V.
